Notruf

Sexualisierte Gewalt in Pandemiezeiten

Die Zahl der Opfer sexueller Gewalt ist in den letzten Jahren stark gestiegen – das belegen immer neue Studien, wie z.B. die deutschlandweite Kriminalstatistik von 2019. Jede vierte Frau und jeder neunte Mann wird mindestens einmal Opfer sexueller Gewalt. Das heißt übersetzt: In einer 30-köpfigen Schulklasse mit gleich vielen Jungen und Mädchen werden mindestens vier Kinder im Laufe ihres Lebens zum Opfer, bei einer reinen Mädchenklasse sogar mindestens sieben. Die Dunkelziffer, so vermuten Experten, ist noch weitaus größer.

Neuste Studien zeigen: Die Corona-Lage hat diese Situation verschärft, die Zahl der Opfer ist im vergangenen Jahr deutlich gestiegen. Betroffene konnten der Situation schwerer entkommen, sich weniger mit anderen austauschen. Fachliche Beratungsstellen wurden in dieser Zeit noch wichtiger, denn: Zu einer Beratungsstelle zu gehen, galt auch in der Zeit des Lockdowns als „triftiger Grund“, um das Haus zu verlassen.

Eine solche Beratungsstelle ist der „Notruf bei sexualisierter Gewalt“, betrieben vom SkF Bamberg e. V.. „Der Bedarf nach Gesprächen ist in der Zeit des Lockdowns im Frühjahr und auch seit Herbst definitiv gestiegen“, erklärt Marlies Fischer. „Für die Betroffenen ist besonders wichtig, dass wir sie ernst nehmen, neutralen Boden schaffen. Und dann gemeinsam mit ihnen Lösungen erarbeiten, die Situation zu verbessern und Folgen zu bewältigen.“ Im vergangenen Jahr hat der Notruf Bamberg knapp 200 Menschen, die in Kontakt mit sexueller Gewalt kamen, beraten und rund 1.500 Beratungsgespräche (persönlich und telefonisch) geführt. Der SkF hat zum 01.01.2021 den Notruf auf zwei Vollzeitstellen aufgestockt, was nur mit der finanziellen Beteiligung des Landkreises Bamberg, des Landkreises Forchheims und der Stadt Bamberg möglich war. Auch für betroffene Männer gibt es nun einen eigenen Ansprechpartner, um auch ihnen einen niedrigschwelligen Zugang zu Beratung und Unterstützung zu bieten.

Zum Arbeitsalltag der Notruf- MitarbeiterInnen gehören persönliche oder telefonische Beratungsgespräche, aktuell arbeiten sie an Online Lösungen. Außerdem organisieren sie seit vielen Jahren wöchentliche Gruppen-Veranstaltungen, Kunst- oder Naturaktionen, um Betroffenen den Austausch untereinander zu ermöglichen und, wie sie es nennen, „Gegenpositionen“ zu den traumatischen Erfahrungen zu ermöglichen, schöne Erlebnisse, Zeit zum gemeinsamen Lachen, aber mit dem gegenseitigen Verständnis, dass es nach dem, was einem widerfahren ist, auch mal schwer fallen kann. Sie begleiten zu Ärzten, Anwälten und auch mal zur Polizei, suchen gemeinsam mit den Menschen, die zu ihnen kommen nach Organisationen, die unterstützen könnten. Dabei ist jede Situation, jedes Erlebte, jede Geschichte individuell, sagt Marlies Fischer: „Wir müssen uns immer wieder neu in die Situationen hineinversetzen, empathisch versuchen nachzuvollziehen, was die Menschen, die zu uns kommen, brauchen, damit es ihnen besser geht.“

Ein bisher großer Punkt war dabei: Männer, die Opfer sexueller Gewalt wurden, wünschen sich oft, von einem gleichgeschlechtlichen Helfer beraten zu werden. Diesem Bedürfnis kommt der Notruf Bamberg nun nach: Seit dem 1.1.2021 ist deshalb einer der neuen Mitarbeiter der Sozialpädagoge Marcel Heer. „Die Arbeit im Notruf ist wichtig – und genau deshalb freue ich mich, das Team zu unterstützen“, sagt er. „Die Schwelle wird gerade bei sexuellen Übergriffen in vielen Fällen niedriger, wenn man das Erlebte einem gleichgeschlechtlichen Berater anvertraut.“ Eines seiner ersten Ziele ist daher, sobald es diese besonderen Zeiten wieder zu lassen, vor allem auf Schulen zuzugehen und Präventionsangebote für Jungen anzubieten.

Ein Ziel für das kommende Jahr ist für den Notruf Bamberg, dazu beizutragen, sexuelle Übergriffe klarer sichtbar zu machen, Menschen dabei zu helfen, Grenzen zu setzen und zu akzeptieren. Vor dem Lock-Down hat das Team über 30 Präventionsveranstaltungen jährlich durchgeführt, in Schulen und Verbänden damit über 600 Menschen für die Anzeichen sexueller Gewalt sensibilisiert. „Dabei konzentrieren wir uns sehr stark auf mögliche Täterstrategien“, sagt Marlies Fischer, denn sexualisierte Gewalt habe selten etwas mit Sexualität oder ungebremster Lust zu tun, sondern sei meist das Resultat strategisch geplanter Taten, denen Macht und Kontrolle zugrunde liegt. „Es ist wichtig, dass Menschen Antennen dafür entwickeln – überall da, wo Gruppen zusammen sind, aber vor allem in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.“ Achtsamkeit sei eines der Qualitätsmerkmale in Einrichtungen, sie kann dazu führen, dass Übergriffe verhindert und Opfer gestärkt werden. Auch der neue Kollege sagt, „genau dazu einen Beitrag zu leisten, darum geht es in unserer Arbeit.“

Erreichbarkeit

Dienstag von 9.00 Uhr 11.00 Uhr

Donnerstag von 9.00 Uhr bis 11.00 Uhr und von 16.00 Uhr bis 18.00 Uhr

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